Samstag, 5. März 2016



Der in- und auswendige Seiltanz

Nach der Aufarbeitung der Midlife Crisis – die wohlgemerkt jeden ergreift, ob er es gemerkt hat oder nicht – scheint sich unser genetisch geplantes Alterungsprogramm auf immer mehr Stabilität zu konzentrieren. Wohlwissend, dass die physiologischen Vorgänge in uns sich immer mehr einem Seiltanz annähern und unsere Bandbreite die Welt zu ertragen schmäler wird.
Wir meinen jenseits der 60 tatsächlich immer häufiger, dass die Welt da draussen immer unzuverlässiger wird, immer chaotischer, immer unverständlicher…Dabei denke ich, dass sie genauso vor sich hinrödelt wie zu den Zeiten unserer Jugend und sich bloss unsere Wahrnehmung verschoben hat. „Des hätts zu unserer Zeit net gehm…“! Diese Reaktion ist im spezifischen vielleicht dann richtig, aber in der Bewertung, nämlich der Vermutung eines demnächst drohenden Weltuntergangs, übertrieben. Die Jugend lächelt, sie geht damit ganz anders um. Was sollen die also von uns Älteren eigentlich lernen? Überschätzen wir uns da?

Innere Gelassenheit wird ein höheres Gut im Alter, weil automatisch knapper. Aber ist es nicht wunderbar, dass wir unser Gehirn managen können und uns die innere Gelassenheit wieder herholen können? Ach was, sagen Sie…Psychotherapeut oder was?

Nein, bitte nicht, sage ich: machen wir uns mal klar, dass unser Gehirn untrennbar mit unserem Muskelsystem verbunden ist. Die meisten Anteile von unserem „Gedächtnis“ sind nicht Teil der morphologischen Substanz unserer Hirnmasse, sie sind ein dynamisches Geflecht aus allen Wahrnehmungskomponenten aus unserem Körper. Wie merkt sich ein Bühnenschauspieler so viel Text? Nur dadurch, dass er bestimmte Körperhaltungen und Bewegungen mit dem Text verknüpft. Dieser fällt ihm dann auch nur ein, wenn er die entsprechende Motorik unternimmt.

Und jetzt reden wir mal über Seiltanz. Schon mal gemacht? Ich auch nicht, aber mit 80 möchte ich das beherrschen und dann im großen Amphitheater in meinem Altendorf Applaus erhalten, wenn ich mich – in, ok, 3 Meter Höhe mit Matratze untendrunter – um die eigene Achse drehe. Stabilität besteht bei uns Älteren nicht im Herumhocken oder stundenlangem Strandstehen, sondern in der motorischen Kunst der ständigen dynamischen Balance, eher dem Gegenteil, was wir mit technischer Stabilität assoziieren. Die motorischen Übungen hierzu haben ungeahnte Auswirkungen auf die Stabilität unserer Psyche, wenn es darum geht der Welt mit Gelassenheit zu begegnen. Stabilität ist hier gleich Flexibilität von Bändern, Sehnen, Muskeln, Faszien und Gelenken.

Wenn wir erst einmal gelernt haben uns in 3 Meter Höhe auf einem Spannseil um die eigene Achse zu drehen, können diese Medien um uns herum gerne berichten, wieviel schreckliches wieder passiert ist, ohne dass wir es beeinflussen können. Also, hilflos sind wir dann jedenfalls nicht mehr, eher immun.

Wie? Sie sind unter 60 Jahre alt und wollen das auch jetzt schon ausprobieren? So war das aber nicht gemeint…J

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